Reise mit MS Dornbusch nach Schweden. 17.-22.09.2016 - Frachtschiffreisen

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Reise mit MS Dornbusch nach Schweden. 17.-22.09.2016

Reiseberichte > Reisen Dritter

Ich bevorzuge Schiffe, auf denen ich in der Schleuse Brunsbüttel ein- und aussteigen kann. Ich wohne in der Nähe und erspare mir die Fahrerei nach und durch Hamburg und zurück. Staus und Rote Welle garantiert. Nicht mit mir! Ich versäume dann zwar die Elbe, Övelgönne, Blankenese, Airbus, aber das ist es mir wert. Besonders bei Nacht oder Schietwetter.

Um 3 Ecken bin ich an eine Reederei gekommen, die mir in einem Telefonat eine Fahrt nach Pori/Finnland angeboten hat, Abfahrt in einer Woche, und ich habe zugeschlagen. Aber, wie es so zugeht in der Christlichen Seefahrt: Schon am nächsten Morgen war eine Mail da: Mit Finnland wird das nix, aber nach Schweden. Mit einem anderen Schiff. Gleiche Abfahrtszeit. Stockholm habe ich noch nie von See her angelaufen, war zuletzt vor etwa 20 Jahren per Eisenbahn da, freute mich auf auf die Altstadt. Leider zu früh, wie sich später rausstellen sollte.

Samstag 17. 09.
Gegen 16 Uhr lief der Dampfer in die alte Schleuse am Südufer des NOK ein. Vorher musste ich noch schnell mit dem Auto über die Fähre zur anderen Kanalseite, um nicht mit Gepäck um die ganze Baustelle zu wandern. Melden muss man sich in der Wache auf der Nordseite. Die ist weit von dem eigentlichen Zugang entfernt. Dann muss man durch enge Drehkreuze. Die Wache hat dann mein Gepäck verwahrt. Parkplätze sind 200m weiter. Ich bin immer sehr rechtzeitig da, weil Parkplätze knapp sind. Immer belegt durch Spaziergänger.

Aber man kommt erst in das Schleusengelände, wenn klar ist, in welche Kammer der Dampfer einfährt. Und das ist zum Roulette geworden. Wird oft vom Schleusenmeister in letzter Minute entschieden.

Das ging vor ISPS ganz erheblich bequemer. Ich konnte in das Schleusengelände fahren, auf dem Lotsenparkplatz parken. Oder ich wartete in dem kleinen Häuschen der Semannsmission auf der Mittelmauer in der Schleuse. Mit Lesestoff und Klo.

Ich wurde einfach als Crew behandelt. Das ganze Gedöns mit Passkopie, Security, etc. war noch nicht erfunden.

Und mit Video überwachte Drehkreuze, in denen das Gepäck hängen bleibt, gab es auch noch nicht.

Zuerst sollte es auch die neue Schleuse an der Nordseite werden, aber siehe oben: Immer diese Imponderabilien!

Ein Seemann brachte mein Gepäck zur Kammer. Die war gemütlich eingerichtet: Ecksofa um einen großen Tisch, Stuhl davor, breite Koje, Fenster nach vorn und an Steuerbord. Kühlschrank. Keine Unterhaltungs-Elektronik. Die nimmt auch nur Platz weg. Wird von mir sowieso nie benutzt. Geräumiges Bad. Ich hatte auch schon Nasszellen, in denen man sich beim Zähneputzen den Ellenbogen stieß.
Das Bad konnte auch aus der Reservekammer nebenan, die als Lazarett vorgehalten wurde, benutzt werden. Solche Anordnung ist mir auch von anderen Schiffen bekannt.

Das Schiff hatte 3 Überraschungen für mich parat: Am Heck wehte die Bundesflagge, Schiffsführung, Kapitän, Erster, Chief war deutsch, in der Pantry kochte eine Filipina sehr leckere Sachen. Vor allem vermied die diese dicken, fetten Soßen. Die kochte „leicht“. War schon 4 Jahre an Bord. Immer standen Obst und Kekse bereit.

Dann noch 6 Filipinos: 1 Zweiter, 1 Bosun (Bootsmann) Bezeichnung AB = able bodied, 1 Oiler/Motorman , 3 Deckhands Bezeichnung OS = ordinary seaman.

Der Zweite aß mit seinen Landsleuten in der Mannschaftsmesse. Die hatten andere Zutaten und Zubereitung. Dafür sorgte die Lady in der Pantry.

Nach der Ausfahrt habe ich mich auf der Brücke gemeldet, meinen Pass abgegeben und den „Alten“ kennengelernt. Vorher hat dafür niemand Zeit.
Lotse und Steurer richten sich ein, der Waterclerc des Maklers ist an Bord, bringt Papiere, bespricht die mit der Schiffsführung, etc. Es wird viel telefoniert.

Dann habe ich mich eingerichtet und dann war es schon Zeit fürs Dinner. An dieses frühe Abendessen an Bord habe ich mich nie gewöhnt. Zuhause habe ich andere Essenszeiten.
In der Messe saß als Einziger der Chief, zappte sich durch die Bundesliga, kommentierte alles mit Blickkontakt zu mir. In Fußball bin ich nur halbgebildet.  Also nickte ich bedeutungsvoll und anerkennend mit dem Kopf, oder schüttelte den so entsetzt, wie der Kfz.Meister beim Öffnen der Motorhaube, je nach Tonfall des Chiefs.  Ab und zu mal ein „Ohhauehaueha!“ dokumentierte eindrucksvoll meine Expertise.

Der Chief war Jahrgang 1935, also nur etwa anderthalb Jahre jünger als ich. Längst in Rente. Wurde immer wieder von der Reederei als Vertretung angeheuert, wenn der hauptamtliche in Urlaub oder auf Lehrgang war.

Das sollte jetzt aber wirklich seine allerletzte Vertretung sein. Ende des Jahres liefen seine Patente aus, die er nicht mehr verlängern wollte.
Abwarten! Manche läßt die See nie los.

Abends noch eine Überraschung: Die „Fipse“ saßen alle in der Messe und tranken Bier. So was habe ich jahrelang nicht mehr erlebt. Alle an Bord sonst in der Freiwache sofort auf Kammer verschwunden. Türen zu.

Die luden mich zu einer Buddel und allerlei Naschzeug ein. Nach der 3. Pulle war ich fürs Bett reif und habe mich verzogen.

Die Schleusung gegen Mitternacht in Kiel habe ich verpennt.

Sonntag 18.09.
Am nächsten Vormittag fuhren wir in ein Starkwindfeld. Ich wurde seekrank und verholte mich für die nächsten Stunden in die Koje. An Mahlzeiten war nicht zu denken. Für solche Zwecke packe ich immer eine Tüte Zwieback ein. Ich bin nicht immer seefest.

Leider ist mir dadurch das Sonntagsessen durch die Lappen gegangen. Inklusive Eis und Schwarzwälder Kirschtorte.

Montag, 19.09.
Am nächsten Morgen weckte mich der Sonnenaufgang durch das steuerbordseitige Fenster direkt ins Gesicht. Ich hatte das Rollo nicht geschlossen. Eine ausgiebige Wechseldusche und ein mexikanisches Rührei zum Frühstück brachten mich wieder in die Senkrechte.
Der in Landsort aufgenommene Lotse fuhr uns durch den Schärengarten vor Stockholm. Alle schwedischen Lotsen steuern ihren Törn selbst. Vermutlich einfacher, als einem Rudergänger ständig neue Kurse zu geben.

An- und Ablegemanöver  fuhr der Kapitän aus der jeweiligen landseitigen Nock. Ein besonders spektakuläres in Ahus. Auf engstem Raum drehte er das Schiff um 180 Grad „auf dem Teller“. Fast exakt um die Hochachse. Mit Flossenruder hart und Bugstrahler.

Die ersten Vororte von Stockholm kamen in Sicht. Mit Villen, die sich auch in Blankenese nicht schämen müßten. Vor einer parkte ein Hubschrauber im Garten.

Ich machte mich landfein und war guter Dinge. Aber dann: Liegezeit maximal 2 Stunden. Das reichte nicht für die Innenstadt. Und für Gamla Stan, die Altstadt schon gar nicht. Die muss man unbedingt zu Fuß durchstreifen.

Also habe ich mir Weste und Helm genommen, in schwedischen Häfen Pflicht, und bin mal zum Gate und zurück spaziert. Außerhalb des Sicherheitsbereiches gab es auch nichts zu sehen, also bin ich drin geblieben. Pech gehabt!

Dienstag, 20.09.
Von Stockholm ging es wieder Richtung Heimat, aber erst noch nach Södertälje und Ahus in Skane. In beiden Häfen war ausreichend Zeit für Landgang. Und die habe ich genutzt. In Södertälje hat mir die Wache ein Taxi bestellt. Wie so oft in Schweden: Fahrer ein Iraker.
Der setzte mich in einer etwas zweifelhaften Gegend ab. Fast nur Kopftücher und Bärte. Die habe ich dann nach einem Shoppingcenter gefragt. Es war nur eine kleine Seitenstraße zu queren und ich war in einer sehr großzügig angelegten Fußgängerzone. Mit Brunnen, Skulpturen, vielen Sitzbänken unter Bäumen und allen Geschäften.

Erst habe ich mal ein großes Eis gekauft und auf einer der Bänke gelöffelt, dann durch die Geschäfte gestöbert. Ich habe immer Spaß an ausgefallenen T-shirts oder Basecaps.

Dann habe ich so eine Art ZOB entdeckt und auf den Fahrplänen die Linie 754 gefunden, die zum Sydhamn fährt, wo das Schiff lag. Von der Haltestelle vor dem Scania-Werk kommt man nach etwa 400 m wieder zum Gate, in dem ich Weste und Helm geparkt hatte. Der Wachmann kam mir schon damit entgegen.


Vorher gab es noch eine Überraschung. Entgegen meiner sonstigen Erfahrung in Schweden, konnte man im Bus nicht mit der CreditCard zahlen. Man muss vorher ein Ticket lösen und es beim Einsteigen an ein Lesegerät halten.

Das wusste ich nicht, und der Fahrer war so nett und nahm mich so mit.

Zurück an Bord luden mich die Fipse zur Kaffeezeit wieder in ihre Messe ein. Die hatten sich die Reste der Schwarzwälder Kirschtorte vom Sonntag gesichert und im Kühlschrank frisch gehalten. Ich habe dann rausgefunden, dass die Köchin alles, was nicht in der O-Messe aufgegessen wurde, aber schon zubereitet war, zu den Sailors rüber schiebt. Statt wie sonst üblich „über die Kante“ zu kippen, also außenbords, resp. neuerdings in die braune Tonne. Die Schiffsführung fand das sehr vernünftig. Auch weil das alles gute Leute waren. Der Chief vertraute seine Maschine voll dem Oiler an.

Alles, Pantry, Treppenhaus, Messen, Kammern, Brücke war pieksauber.
Ich habe beim Kapitän 2 Sixpacks Bier gekauft und mich damit bei den Sailors für die Gastfreundschaft bedankt. Auf Schiffen mit Ost-Besatzung war das immer streng verboten.
Der Fußboden im „Keller“, so nennt der Seemann den Maschinenraum, glänzte so, dass ich zuerst dachte, der sei glitschig. War er aber nicht. Sondern so gut gewischt.
Von den Fipsen. Der Ausdruck ist in der Seefahrt Standard. Kein abträgliches Schimpfwort.

Auf der sehr geräumigen Brücke mit vielen Sitzplätzen ging der „Alte“ selbst mit dem Staubwedel über die Armaturen am Steuerstand, durch Funkbude und Kartenraum.
Und der Erste mit Glasreiniger von innen über die Scheiben. Der machte Kampfsport und hielt strenge Diät. Die Köchin nahm darauf Rücksicht. Das fand ich sehr bemerkenswert. Wenn ich so an andere „Köche“ an Bord denke…
Zum Nachmittagskaffee gab es für jeden immer 2 Scheiben Fertigkuchen, Schokoladen-Puffer.

Mittwoch, 21.09.
Bei einem Frühstück kamen mir Erinnerungen an ganz alte Zeiten: Es gab Toast Hawai, mit Ananas und überbackenem Käse. Ich glaube, das ist so 50 Jahre her, als der mal große Mode war.
Letzter Hafen war Ahus/Skane.. Ein kleiner Ort. Mit einem weltbekannten Schnaps: Absolut Wodka.
Eine hübsche Marina mit Promenade, Blumenrabatten und einem Eisdielen-Schiff.  Nur 2 Km vom Liegeplatz. Davon etwa 1,8 Km Pier. I´m walking...

Der ISPS-Code brachte mich raus und wieder rein. Nachem ich erst an ein falsches Tor geraten war, an dem der Code nicht griff, fand ich noch das richtige, etwa 200 m weiter hinter einem Riesensilo.
Auf der schwimmenden Eisdiele habe ich noch ein großes Eis bestellt und an Deck in der Sonne gegessen. Ich glaube, ich war der einzige, der bar bezahlt hat. Alle anderen per handy.

Dann wieder an Bord gewandert und nonstop bis Kiel.

Donnerstag, 22.09.
Am letzten Tag war Donnerstag, also Seemannssonntag. Es gab Eis. Und auf dem Tisch stand so eine viereckige Flasche mit Original Cointreau. Um damit das Eis zu verfeinern. Luxus pur! Und natürlich Schlagsahne. Der Chief hat gleich 2 Portionen bestellt. Mir hat eine gelangt, riesig.

Ich habe wieder was Neues gelernt:  Der Kanallotse NOK I erzählte von einem Freund, der als Kapitän kürzlich ein Schiff „gebeacht“ hatte: In Bangladesch mit Caracho auf den Strand gefahren um dort abgewrackt zu werden.
Den Ausdruck kannte ich noch nicht. Der Vorgang selbst ist bekannt. Gibt es schon länger. Da sollen auch verhältnismäßig neue Schiffe liegen, um sie aus dem Verkehr zu ziehen.

Seeleute und BWL-ler haben ja eine eigene Logik: Danach gibt es keineswegs zu wenig Fracht, sondern lediglich zuviel Tonnage.

Und der Erste hat mir auf der ENC – elektronische Seekarte – die Funktion Quick Calculation erklärt: Damit kann man die Geschwindigkeit ermitteln, die man fahren muss, um zu einer vorgegebenen Zeit einen WP=Waypoint zu erreichen.

Ich werde mir diese Reederei merken. Sollte ich nochmal fahren.

Ich brauchte erstmals ein Attest und Nachweis der Auslandskranken-versicherung für diesen Törn. Wegen meines Alters.
Bei meiner „Stamm“-Reederei, 1. Reise 1987, war das nie erforderlich. Man kannte sich...
In Brunsbüttel dann noch eine letzte Überraschung: Die alte Schleuse war gesperrt. Mal wieder. Davor stand aber mein Auto. Wir liefen in die Neue ein. Und machten zu allem Überfluss auch noch an Steuerbordseite fest.
Dazwischen liegt die Baustelle. Ich musste mit dem ganzen Gepäck – an Bord nehme ich lieber zu viel, als zu wenig mit - um die Baustelle rum. Treppen rauf, Treppen runter Ich habe gewartet, bis die Tore günstig standen, über die man gehen muss, um in einem Rutsch den Kanal zu überqueren. Sonst können das locker 2 Km Fußweg werden.

An allen 5 Tagen – Brunsbüttel-Brunsbüttel dauert durch die kurzen Liegezeiten nicht länger - hatten wir bestes Wetter. Das mitgenommene Sonnenöl wurde gebraucht.
Ein gepflegtes Schiff, eine sympathische Crew, prima Verpflegung.

Geschlafen habe ich wie ein satter Säugling, mich täglich über das leckere Essen gefreut, besonders über die Brötchen zum Frühstück und interessante Gespräche in meiner Muttersprache führen können. Das hat man nicht so oft alles zusammen.

Die Sailors sprachen Pidgin, ich mein Oxtail-English. Manchmal etwas „vigeliensch“, so nennt der Hamburger etwas nicht ganz so einfaches.

Noch ein paar Zahlen: Messe (Poopdeck) - Brücke 60 Stufen.
Messe - Kammer 36 Stufen, Kammer - Brücke 24 Stufen.

Unter dem Poopdeckeck lagen noch Office des Ersten, Waschküche, Proviantlast, die Hausfrau nennt das Vorratskammer, Aufenthalts- und Umkleideraum der Seeleute.

Dann ging es noch ein Deck tiefer in den ECR = Maschinen-Kontrollraum, von da weiter runter in den Maschinenraum.
Unsere Marschgeschwindigkeit lag bei etwa 13 Knoten. In den Revieren manchmal nur bei oder unter 8 Knoten.
Zur Erinnerung: 1 Knoten = 1 Seemeile = 1.852 Km pro Stunde.
Erklärung: 1 Seemeile entspricht einer Bogenminute auf dem Äquator: Umfang 40.000 Km : 360 x 60 = 1.852 Km.
Die Größe der Ablage zur Kurslinie (XTE = cross track error)) wird in Kabellängen = 1/10 Seemeile  angegeben.

Übernachtet haben wir in keinem Hafen. Feederschiffe fahren immer gegen die Uhr. Time is money!

In Rendsburg war die nach einer Ramming mit einem Frachter schwer beschädigte Schwebefähre samt Triebwagen abmontiert. Die wird komplett neu gebaut. Und das dauert, weil die unter Denkmalschutz steht. Da kann man nicht einfach irgendeinen Stahl nehmen. Die Leute von der Denkmalspflege sehen das sehr eng.

Einziger Minuspunkt für mich: Die kurze Liegezeit in Stockholm. Sehr bedauerlich. Aber, man kann eben nicht immer alles haben…

Happy sailings!

 
 
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