HH in den Fünfzigern - Frachtschiffreisen

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Den Hamburger Hafen, so wie er jetzt ist, kenne ich nur von der Wasserseite.

Ein- und ausgestiegen bin ich da noch nie.

Als ich da noch zu tun hatte, war das ein Freihafen, Altenwerder ein Dorf und die Liegeplätze benannten sich nach den Nummern der Schuppen.

Alles war Handarbeit mit Sackkarre und Kanthaken, den jeder Schauermann am Gürtel trug. Der wurde in die Kiste oder den Sack gehauen,
um die Ladung auf die Sackkarre zu kippen oder vom Stapel zu ziehen.

Es galt die Regel: 4 Mann für 4 Ecken. Gabelstapler kamen erst später. Nach und nach.

Und die staatlich geprüfte "Fachkraft für Seehafen-Logistik" war noch lange nicht erfunden.

Das waren Schauerleute, die in einer Schicht als "Gang" - heute heißt sowas "Team" - arbeiteten. Jeder kannte seine Handgriffe.

Helm, Schutzkleidung, Walkie-Talkies waren unbekannt. Die Vorarbeiter hießen Lukenviz - zu erkennen am gelben Mützenband.
Die dirigierten die Kräne per Handzeichen und bölkten ihre Anweisungen in den (Lade)Raum.

Die meisten Hafenarbeiter waren unständig. Jeden Abend wurde per Radio der zusätzliche Bedarf für den nächsten Tag durchgegeben.
An der Admiralitätsstr. war das Hafenarbeitsamt. Da konnte sich jeder, der eine Lohnsteuerkarte hatte, für eine oder mehrere der 3 Schichten pro Tag
melden. Morgens um 5 Uhr. Die erste Schicht begann um 6 Uhr.

Ausgerufen wurden Schiffsname, Liegeplatz, Ladung, wie viele Schichten Arbeit und Anzahl der angeforderten Leute. Wer Interesse hatte hob die Hand
und rief seine Stammnummer.

Alle hatten den "Zampel" über der Schulter. Ein kleiner Sack aus festem Segeltuch, mit einer starken Kordel verschlossen, die auch als Träger diente. 
Für Frühstück, Buddel Bier, Knaster, Priem, Tabakspfeife, etc. Oder eine alte Aktentasche mit einem Riemen oder Bindfaden umhängen.

Gezahlt wurde bar nach Schichtende. Gehaltskonten waren noch nicht erfunden. Seemannsfrauen konnten sich per sog. Ziehschein, Vorschuss auf die
Heuer an der Kasse der jeweiligen Reederei auszahlen lassen.

Vieles ging damals bar. Konsulatsfakturen, Ursprungszeugnisse der Handelskammer, Vorzölle. Auf jedem Schiff fuhr ein Zahlmeister mit, der auch
Vorschüsse auf die Heuer auszahlte. Und auch im Zielhafen ging vieles bar. Der Dollar stand fest auf 4,20 DM.

Gegenüber vom Hafenarbeitsamt war die Auswandererstelle nach Australien und Kanada. Die warben um Einwanderer. Da musste man sich für eine
Zeit für bestimmte Arbeiten (Gleisbau, Holzfäller, etc.) verpflichten und bekam dann die Überfahrt bevorschusst.
Das Geld ersparten sich viele durch "überarbeiten", heuerten für die Reise an, als sog. "deckhand" oder Küchenhilfe und musterten am Ziel wieder ab.

Genau daneben war eine Kneipe rund um die Uhr geöffnet. Da wurde dann der Lohn, der im Arbeitsamt ausgezahlt wurde, versoffen.

Vom Baumwall, kurzer Fußweg, gingen die Barkassen zu den Schuppen und Werften. Und nach Schichtende wieder dahin zurück. Mit der Hochbahn
bequem zu erreichen. Haltestelle direkt davor. Hafenarbeiter hatten noch keine Autos.

Im Hafen gab es die "Kaffeklappen". Die boten günstige, einfache Mahlzeiten an. Sehr beliebt: Rundstück warm: 2 Brötchenhälften mit warmen
Schweinebraten und Soße drüber. Wurden mit Messer und Gabel gegessen. Und, ganz klar, einen Halben dazu.

Die Pausen hießen Fofftein. Das rief der Lukenviz. Eigentlich nur 15 Minuten, aber dann eine halbe Stunde zu Mittag.

Etwa zeitgleich mit den Gabelstaplern wurden auch die Paletten erfunden. Das sorgte für erhebliche Beschleunigung.

In den riesigen Schuppen wurden auch Feste, Jubiläen, und ähnliches begangen, weil es an großen Versammlungsräumen noch mangelte,
noch in den 70er Jahren gab es Bombentrümmer.

Diese Veranstaltungen waren auch immer mit großen Essen verbunden.

Bei einem runden Jubiläum einer großen Firma, wurde das Essen - natürlich Labskaus - von einer langen Kolonne Gabelstapler auf gedeckten Paletten
serviert, und vor den Gästen, die auf Bierbänken saßen, punktgenau abgesetzt. Das war ein ziemliches Spektakel, und eine Bomben-Werbung.

Die Fahrer arbeiteten mit der Präzision von Zahnärzten. Da konnte man ein Maurerlot anlegen.

Vermutlich heute undenkbar: Ordnungsamt, Gesundheitsamt, Gewerbeaufsicht, Berufsgenossenschaft....

Das alles hat sich in den 50er Jahren abgespielt. Zu Beginn des sog. Wirtschaftswunders.

Gegen den heutigen hektischen Betrieb konnte man das fast als gemütlich bezeichnen. Trotz der schweren körperlichen Arbeit. 
Zeit für einen kleinen Klönschnack, oder lütten smoketime, gab es immer. Auch die Kranführer kamen in den Pausen runter. Die brauchten dazu noch
keinen Fahrstuhl. Wie heute die Brückenfahrer. Fofftein galt eben für die ganze Gang. 

Und die Liegezeiten waren auch noch nicht nach Stunden getaktet.

Wie sang noch Freddy? Vergangen, vergessen, vorüber....

 
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